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Bahnstation in Casteglione Cosentino, nahe der Uni Kalabrien

Es ist 12 Uhr Mittags, als ich in Castiglione Cosentino aus dem Zug steige und zum Ausgang marschiere. Hier soll mich mein Tutor Piedro, den ich bisher nur am Telefon gesprochen habe, mit dem Auto abholen und zur Universität Kalabriens fahren, wo ich als erster Student der Uni Erfurt Eindrücke einhole. Auf eine Beschreibung meiner Person hat er dankend verzichtet, er erwähnte bezüglich dessen lediglich etwas mit „nero“, also schwarz. Ob jetzt sein Wagen diese Farbe hat, ich warten soll, bis es schwarz wird oder aber mich zu Marisso aus Ghana gesellen soll, der ebenfalls vor dem Bahnhof auf Piedro wartet, hab ich nicht genau verstanden.

Wir verfehlen uns jedoch nicht und düsen nach Rende, dem Örtchen mit der dezentralsten Universität der Welt. Bevor wir aber am Studierendensekreteriat ankommen, muss Piedro erst noch geschätzte 50 des Weges daherkommende Kommilitonen anhupen und ihnen hinterherschreien, dass sie alle miteinander bello/bella/belli sind und man sich garantiert die Tage mal sieht. Dazwischen legt er sich mit einem halben Dutzend Wachmännern an, die in und um die Universität postiert sind und denen Piedros Benehmen an den Durchlasskontrollen mächtig aufstößt.

Campus der Uni Kalabrien, "Il Ponte"

Diese Universität ist nämlich übel gut bewacht, sogar bzw. erst recht an den Wochenenden, wenn 95 % der Studierendenschaft nach Hause fährt und nur arme Erasmus-Studenten in den Wohnheimen bleiben müssen. Sollten das hier übrigens wirklich Interessenten für ein Austauschsemester lesen, so möchte ich ihnen sagen: Leute, habt keine Angst vor Mafia, Cosa Nostra oder sonstigem Quatsch. Leute, seid nicht bange vor exotischen Echsen, Insekten oder Tropenkrankheiten. Leute – fürchtet die spanischen Erasmus-Studenten!!! 😀 Vor denen hab ich nämlich weitaus mehr Bammel als vor den im Müll wühlenden Hunden oder dem hier, wenn er frei rumläuft:

Schafe beim Wohnheim Martensson an der Uni Kalabrien

Die Spanier machen etwa 102 % der ausländischen Studenten aus und lieben das Feiern, das Singen, das Tanzen und das Trinken. Den Beweis traten sie auf dem Weinfest letzten Freitag in Cosenza an, wo ich mich als Quotendeutscher auch hinwagte. Zwei Autobusse voller Spagnioli, wovon auf jeden zwei mitgeführte Weinflaschen kamen, einem Chinesen, einem Brasilianer und mir setzten uns 19 Uhr in Cosenza ab und sammelten den Großteil mit Gewalt um 2 Uhr wieder ein, um zur Uni zurückzufahren. Dazwischen gab es viele heitere Stunden.

Zum Glück wohne ich ausschließlich mit Italienern aus der Region in einem Department. Meine Nachbarn, mit denen ich sofort Freundschaft schließe, heißen Stefano und Guiseppe. Na klar, wie auch anders. Unser gemeinsames Hobby, hat sich schnell herausgestellt, ist das Begutachten und Einschätzen der jeweiligen Kalabresin, die gerade vorbeiläuft*. Nach meiner Meinung über diese und jene gefragt, muss ich meist immer erst mein Wörterbuch zücken, was ein großartiges Bild auf dem Campus abgibt.
Manchmal kommt uns auch Maria in unserem Aufgang besuchen. Das ist Stefanos Freundin seit 5 Jahren, und meistens reden wir dann über etwas anderes.

Fakultätsgebäude an der Universita della Calabria

Zum Beispiel über den Lehrbetrieb. Hier geht es wie erwartet drunter und drüber! Nichts ist logisch, alles ist denkbar und das meiste unvorhersehbar. Eine Lehrveranstaltung findet pro Woche nicht wie in Deutschland 1 Mal, sondern drei Mal statt. Nachdem ich am Montag meinen Stundenplan mühsam mit allen nötigen Seminaren zusammengepuzzelt habe, wechselt am Dienstag spontan das Vorlesungsverzeichnis, mit Zeiten, Dozenten und allem Drum und Dran. Fange ich von vorne an. Donnerstag laufen ein paar Leistungspunkte von einer meiner Lehrveranstaltungen weg und sitzen auf einer anderen auf, die ich natürlich nicht belegt habe.

In die Bibliothek komme ich ohne Mitgliedsausweis, den ich vor Ewigkeiten beantragt habe, nicht rein und muss mich bislang immer draußen hinhocken, um im WLAN-Internet etwas nachzusehen. Selbiges reicht nicht in mein Wohnheim und funktioniert auch nur bei Sonnenschein und höchstens dreizehn Wolken.

Meine Dozenten sind dafür sehr angenehm und sprechen sehr schön und deutlich. Bruno Marcello Walter, der sogenannte „bessere Krotz“, hat einen deutschen Nachnamen und sieht meinem ehemaligen KW-Professor sehr ähnlich, nur erklärt er die Dinge besser als er. Beim Bruno wäre ich nicht durch die Prüfung geflogen.
Prof.ssa Eleonora Federici hat ein offenes Ohr für ihre Studenten und unterrichtet Geschichte der englischen Sprache. Leider ist das Ohr manchmal zu groß und nach einer halben Stunde, in der sie Englisch parliert, wechselt sie für den Rest der Vorlesung zurück ins Italienische, weil ihre Zuhörerschaft über Erschöpfung klagt. Was soll ich da eigentlich sagen.

Naja, vielleicht ciao bis zum nächsten Mal,

euer Thilo

*Marcus R. aus Grev. wird’s mal wieder gewusst haben

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