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Geschenke und Torte bei Marias Laurea

Herzlich Willkommen zurück im Blog!

Die Freundin meines Mitbewohners Stefano, Maria, beendete dieser Tage erfolgreich ihr Studium der Ökonomie an der Universität Kalabriens und lud feierlich zu ihrer Graduierung und anschließender großer Sause, auf der sie oben nebst ihrem treu Ergebenen zu sehen ist. Wie man sieht, gratuliert auch der Kuchen persönlich der frischgebackenen „Dottoressa Maria Pirelli“. Anders als in Deutschland ist man in Italien mit Absolvieren von Triennale (Bachelor) und Speciale (Master) schon sofort ein/e Dottore/ssa.

Es war nicht selbstverständlich, dass ich als lediglicher Mitbewohner Stefanos von Maria zu Laurea und Feier eingeladen wurde. Wenngleich ich als exotisches deutsches Würmchen sicherlich auch als die Attraktion herhalten sollte. Dessen ungeachtet nochmal ein “Grazie mille, Maria!“ und Grüße an dich, wenn du das hier irgendwie lesen solltest! Jetzt aber genug gefaselt, und in Hopsdiwopsdi-Style durch die Geschehnisse.

Verteidigung der Abschlussarbeit an der Uni Kalabrien ;-)

Bevor hier Dottoressa geworden wird, muss man in der Universität noch seine Diplomarbeit vor ein paar Damen und Herren verteidigen, die in ihrer Tracht an Proporz eigentlich kaum mehr zu überbieten sind. Zwar hat auch Maria eine Art Konterrobe an, aber selbst mir in der dritten Reihe graust es vor Ehrfurcht. Nur eben nicht lange, denn bei der enormen Aufmerksamkeit der Professoren (Detailansicht) geht die als Verteidigung angedachte Prozedur langsam, aber sicher bald in ein Schwätzchen über.

Die zeremonielle Atmosphäre geht eh schon vorher abhanden. Die reservierte Aula ist zu klein für alle Absolventen samt Angehörigen, von daher nehmen immer nur drei bis vier Familien im Publikum Platz und rücken langsam weiter vor, bis ihr Schützling an der Reihe ist, während hinten schon die nächsten in den Saal drängen. Alles sauber organisiert.

Marias Arbeit dreht sich thematisch um internes Auditing in einer Firma. Sie erreicht mit 110 Punkten die beste Bewertung, die überhaupt möglich ist. Damit stellt sie sämtliche Kommilitonen in den Schatten und wird danach auch von keinem anderen mehr übertroffen werden. Noch knorker als das finden Familie und Freunde jedoch, dass sie rechtzeitig vor 4 Uhr fertig wird, und man draußen bei Tageslicht noch gute Fotos von der Familie schießen kann.

Marias Geschenke für ihre Laurea in Catanzaro

Wenn in Italien jemand seine Laurea hat, gratuliert man nicht nur dem Absolventen selbst, sondern auch seiner ganzen Familie. Angesichts der Größe italienischer Familien nimmt dies einige Zeit in Anspruch. Gilt in Deutschland eine Kinderzahl ab drei als viel, ist das in Kalabrien eher ein Zeichen von Sparsamkeit. Zu diesem Zeitpunkt weiß dazu wohl auch keiner, wer eigentlich der Junge mit dem drolligen Akzent ist, der da reihum jedem Bambino der Pirellis die Hand gibt und allerhand Wangen beschmatzt. Auf der großen Feier sollte ich also alle ein wenig besser kennenlernen.

Wir fahren kurze Zeit darauf zu sechst auf der Autobahn in einem Fiat nach Catanzaro, der Hauptstadt Kalabriens, Heimat von Maria und Ort der Feier. Stefano scheint mir auf der rund zweistündigen Fahrt ganz schön auf die Tube zu drücken, doch beruhigt er mich nachhaltig. Man könne mit dem Fiat seiner Mutter gar nicht schneller fahren als erlaubt, wenn man einfach nur mal dem Tacho Glauben schenke. Wie ich sehe, steht dieser nämlich allzeit auf 0 km/h, weil er schon seit langem den Geist aufgegeben hat.

Catanzaro ist eigentlich auch Stefanos Heimat. Da die Stadt, auf mehreren Hügeln erbaut und mit zahlreichen Brücken miteinander verbunden, sich immer weiter zum Ionischen Meer hin ausbreitet, liegt Stefanos Hügeldörfchen etwas außerhalb der Kernstadt und gehört somit nicht mehr so richtig dazu. Dafür sorgen seine Schwester und ihr Team für die gastronomische Verpflegung auf der Feier, da sie im örtlichen Partyservice arbeitet und das Geld für Lokalität und Essen somit teilweise in der Familie bleibt.

Ein Deutscher auf einer Laurea in Catanzaro!

Ein bisschen fühle ich mich wie Jan Weiler aus “Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ auf seinen italienischen Familienfeiern. Das Buch hat mir meine Schwester kurz vor meiner Abfahrt im August mit auf den Weg gegeben. Es spielt ebenfalls im Süden Italiens und erzählt erstaunlich nah real. In Catanzaro heißt zum Glück nicht, wie befürchtet, jeder Zweite Antonio, und ich kann auch die Marias auseinanderhalten, aber es gibt Unmengen an Essen, zahlreiche Gänge und Nachtische bis hin zu Cocktails.

Weil ich rein optisch ins Ambiente passen will, leihe ich mir von Stefano einen Tag vorher typisch italienische Klamotten. Ich wundere mich allerdings, wie er, noch viel breiter als ich, je in sie hineingepasst haben mag. Die Hosen aus feinem Stoff halten zwar warm, doch darf ich nicht mehr als drei Gänge essen, da das andernfalls wohl die Knopfleiste sprengt. Auch das Hemd kriege ich nur an, wenn ich in beide Ärmel zugleich hineinschlüpfe und das Vaterunser bete, dass weder der Stoff reißt noch meine Schultern auskugeln. Eng ist hier scheinbar echt angesagt.

Es integriert einen allerdings gut und man kommt mit allerlei Kalabresen ins Gespräch. Ich erzähle an diesem Abend in etwa 20 unterschiedlichen Versionen, seit wann ich Italienisch lerne, wie sehr mir doch Kalabrien gefällt und welches Bier in Deutschland zu empfehlen wäre. Halb 11 ist meine Stimme weg, weil ich versuche, in den Dialogen Höhe und Lautstärke der italienischen Stimmen zu imitieren. Inzwischen kann ich aber auch schon nur mit meinen Händen reden.

Bei Stefanos Famiglia in Catanzaro

Die darauffolgenden eineinhalb Tage sind Guiseppe und ich in Stefanos “Casa“ zu Gast, es ist gemütlich dort und Stefanos Mamma kocht allerlei schmackhafte Dinge. Das Haus der Valentis ist ein selbsterrichtetes Eigenheim, drinnen fehlen allerdings einige Standards, an denen Mitteleuropäer wohl festhalten würden. Es ist beispielsweise unvorstellbar kalt dort, der eigene Atem kondensiert vor Augen und die Bewohner scharen sich tagsüber um den Kamin.

Dort ist auch Abby zu finden, eine riesige Hundedame mit dem traurigsten Gesicht der Welt, das sie aber einzusetzen weiß, damit sie etwas von unserem Mittagessen bekommen kann. Hunde sind in Italien sowieso in. Vor der Tür bekläfft noch ein weißer Pudel jeden, der (mit Hilfe eines Löffels!) den Mechanismus der Eingangspforte betätigt. Eine Art Geheimtür, ohne Schloss. Draußen letztlich schiebt noch “Boss“ Wache. Im Gegensatz zu Abby ist mit Boss nicht gut Pasta essen, ohne Begleitung eines Valentis landet man eventuell in seinem Magen.

Stefano wohnt in diesem Vorort von Kalabrien

Wir verbringen mit sogenannten „Ausflügen“ die Zeit zwischen den Mahlzeiten. Sie führen uns zweimal ins örtliche Einkaufszentrum, einmal noch zu Maria und zu guter Letzt noch aufs Dach unseres Hauses. Dort kann man in der Ferne den herrlichen Panoramablick auf Berge und Täler genießen, von Nahem gibt es Aussicht auf den Innenhof einer Firma, die einen der Hauptindustriezweige im Städtchen vertritt. Sie stellt Mülltonnen her.

Vielen Dank an alle Freunde, die mir diesen Blick ins Innenleben Kalabriens ermöglichten und denen ich es mit dieser Dokumentation danken möchte. Und hoffentlich übersetzen sie mit Google nur diese zwei letzten Sätze. 😀

Viele Grüße,

euer Thilo

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