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Hallo in alle Welt, liebe Blogleser.

Von allen in Kalabrien geborenen Personen haben in der Neuzeit lediglich zwei (positiv) überregionale Bekanntheit erlangt. Einer ist der Fußballspieler Gennaro Gattuso, der 2006 in Deutschland Weltmeister wurde und lange Zeit beim AC Milan spielte. Dieser Tage weilt er wieder einmal in seinem Heimatdörfchen*, wo er bei einem Trainingslager seines aktuellen Teams die Altersteilzeit als Profikicker ausklingen lässt.

Jedoch noch lange, nachdem die Enkel Gattusos längst selbst Spieler gewesen sein werden, wird man sich in ganz Kalabrien ewig eines anderen erinnern, und wohl auch mit Wehmut an ihn zurückdenken. Es ist der durchweg durch alle Generationen populäre, von gestern bis heute in Italien und auch in Europa bekannte Liedermacher Rino Gaetano (1950-1981), Kalabriens berühmtester Sohn. Seine Lebensgeschichte kennt hier schon von klein auf jedes Kind.

Macht bitte eine Fehler nicht – und lest jetzt oder später den deutschsprachigen Wikipedia-Artikel über diesen Mann. Die dort enthaltenen Fakten stimmen soweit, geben aber die Lebensleistung von Gaetano unzureichend und vollkommen verzerrt wieder. Lieber bringe ich selbst zusammen, was mir die Einwohner an Wissen über ihn antrugen. Sodann, fahrt ab das Band!

Geboren in Crotone, verlebt der junge Rino die ersten zehn Jahre seines Lebens an der Ostküste Kalabriens. Danach zieht die Familie nach Rom, wo er in einem Quartett erste Bühnenerfahrungen sammelt und sich sein Talent herausstellt, markante Botschaften hinter auf den ersten Schein gewöhnliche oder gar plump aussehende Texte zu legen und dadurch die Zensur zu umgehen. Inspiriert wird Gaetano unter anderem – man merke auf – auch von deutschen Kabarettisten.

Nicht nur das Songwriting, auch die Stimme des Multiperformers ist unverwechselbar. Rau, aber ehrlich könnte man sagen. Die ironischen und zugleich anklagenden Texte über die zerbröckelnde bzw. nie dagewesene Einheit Italiens und aktuelle politische Ereignisse wurden mitunter von den Zuhörern zu Lebzeiten des Sängers gar nicht verstanden, erfahren jedoch auch heute noch oftmalige Bestätigung. Wiederum eines der schönsten italienischen Liebeslieder aller Zeiten stammt ebenso aus seiner Feder. Aida widmet er nicht operettenhaft einer einzigen Dame, sondern der Italienerin in ihrer Einzigartigkeit an sich.

Rino Gaetano war nur etwa 8 Jahre im Musikgeschäft tätig, in denen er eine Handvoll Studioalben produzierte und etwa ein Dutzend Singles veröffentlichen konnte. Am 2. Juni 1981 wurde er nach einem Autounfall mit schwersten Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Gaetano, Idol unzähliger Italiener, der aber auch immer wieder durch sein provokantes Auftreten polarisierte, lag schon im Koma, als der Chefarzt in Ermangelung ausreichender eigener medizinischer Behandlungsgeräte um eine Verlegung in andere Krankenhäuser telefonierte. Nachweislich mindestens drei geeignete Hospitale verweigerten die Aufnahme des Patienten, sodass dieser am nächsten Morgen mit nicht einmal 31 Jahren verstarb. Geblieben ist sein Gesamtwerk, das das Zeug zur Ikone besitzt und vielleicht schon längst eine ist. 2007 wurde seine Biografie verfilmt, unter dem Titel seines vermutlich berühmtesten Liedes.

Unical hat eine schöne Cafeteria

Ach, das war traurig. Aber so bitter es auch ist, frühe Ableben sind bei der Legendenformung nicht unbedingt hinderlich. So weit ist die Band “Israfel“ zum Glück noch lange nicht. Deren Frontmann und –frau, ach, Frontpaar sind Francesco (links) und Roberta (rechts), beide quicklebendig. Israfel ist eine kalabrische Rockband aus Studenten meiner Universität, die aus ihrer Zeit etwas Sinnvolles machen und dieser Tage ihr erstes Album aufgenommen haben. Urheberrechten geschuldet, darf ich hier jedoch keine Songfragmente hochladen. Macht aber auch nichts, wegen Rino heulen bestimmt auch an dieser Stelle jetzt noch alle :D.

Roberta und Maria (2.v.r.) sind zwei meiner wenigen sprachlichen Spiegelbilder an der Uni. Sie sprechen exakt die gleichen Sprachen wie ich, nur in den jeweiligen Niveaus stehen wir uns asymmetrisch gegenüber. Das bedeutet trotzdem, dass man sich immer eine Verständigungsform aussuchen kann. Wenn ich etwas akustisch nicht verstanden habe, wählen beide aber italienisch.

Im Übrigen, an die Frage “Capito?“ musste man sich erst einmal gewöhnen, da das Wort „kapieren“ im Deutschen dem Nichtkapierendem etwas leicht Begriffsstutziges unterstellt, der Italiener es aber (meistens zumindest) gar nicht so meint, weil es eben nicht wie bei uns aus der Umgangssprache kommt.

Professore Marcello Walter Bruno

Achso, was Lustiges wollt ihr auch noch. Na keine Angst, es ist wieder Prüfungszeit. Bücher sind zu lesen, passagengenau einzustudieren und Zusammenhänge in einer fremden Sprache erklärbar zu machen. Ausreichend Zeit (vier Tage) vor der Prüfung kriegen auch Erasmus-Studenten über den Termin des sogenannten “Appello“ Bescheid. Appell, na klar, da muss man pünktlich antreten und alles dabeihaben! Weiß doch jeder Deutsche. Die 5 Bücher hast du wochenlang in Akribie durchgearbeitet, das wird schon werden.

Nun habe ich aber diesen Professor da. Hatte man schon über den Bericht meiner ersten mündlichen Prüfung im Dezember den Kopf schütteln müssen, wurden mit dieser jetzt nun wirklich sämtliche Mindeststandards eines leistungsgerechten Examens komplett unterminiert. Während des Prüfungsgesprächs (zu dritt bis zehnt) redet nur der Prof, staucht seine Studenten hinlänglich ihrer Unwissenheit zusammen und gibt dann am Ende 26 von 30 Punkten, bis ihn Student, Schaulustige, er sich selbst oder alle zusammen auf 27 bis 28 Punkte überreden.

Am Rande bemerkt, sollte der Blogeintrag auch einen Tag früher erscheinen. Nur konnte keiner wissen, dass vor den drei letzten Studenten des Tages samt mir die Tür zugeht und man auf den nächsten Morgen vertröstet wird. Das ist nur deswegen gut, da ich dem Prof(!) bis dann auch das Dokument für die Eintragung meiner(!) Note beschaffen kann, das er zu beschaffen nicht weiß. Nach tageübergreifend 7h Wartezeit komme ich dran, darf mir mein Thema selbst wählen, werde nach 3 Sätzen (in denen ich rein nichts Inhaltliches sage) unterbrochen mit der Feststellung, ich werde das schon können. Note nicht etwa 30, nein 26 Punkte. Zu gut solle es auch nicht sein. Letzthin gab es einen Skandal an der Uni um verdächtig gute Abschlussnoten, da müsse man vorsichtig sein, heißt es.

Es grenzt an Realitätsferne, dass ich mir am selben Tage ein Buch für die letzte Prüfung zulege, wenn doch eh alles umsonst zu sein scheint. Es tröstet, dass ich mir durch das Kraftlesen der ganzen Literatur die Vokabeln für „Falschheit“, „Realitätsfetzen“ und lektürebegleitend „Was für eine Schei..!“ aneignen konnte, wenngleich ich darauf verzichtete, sie dem Prof und seinem Team um die Ohren zu hauen.

Aber hey, wofür hat sich R.G. die Mühe gemacht und Lieder für solche Momente geschrieben?

Euer Thilo

*Quelle: Delia, Kommilitonin und designierte Deutsche, die genau wie auch der Gennaro die Mamma in Corigliano hat 😉

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