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Blick auf Sizilien in Reggio di Calabria

…und da fehlt nur noch ein „Yeah“, oder italienisch: „Ma daiii“, hintendran! 🙂

An einem warmen Sonnenfreitag sollte mich meine letzte große Reise in die heimliche Hauptstadt Kalabriens führen: Reggio di Calabria befindet sich am äußersten Südzipfel der Landkarte, verfügt über einen bedeutenden Hafen, von dem man zu den Inseln übersetzt, und ist seit jeher eine lebhafte und auch politische Stadt. 1970 gab es hier schwerwiegende Unruhen angesichts der Vergabe der Hauptstadt Kalabriens (danach wurde Reggio Regionalratssitz, Cosenza bekam (mei)ne Uni, offizielle Hauptstadt wurde jedoch Catanzaro). Aktuell wird die Stadt durch einen Vormund regiert, da der Stadtrat wegen mafiöser Verstrickungen aufgelöst wurde, womit auch bald Neuwahlen ins Haus stehen.

Der Dom zu Reggio di Calabria Aufgrund der vielen Sehenswürdigkeiten und der gewaltigen Dominanz dieser Stadt stelle ich mir diesmal internationale Verstärkung an die Seite. Gaby (Honduras) und Wedha (Indonesien) zeigen den überstudentischen Willen, pünktlich 6 Uhr morgens zum Treffpunkt Unihaltestelle zu kommen. Guide dieses Trips bin auf Grund meines deutschen Reiseführers wohl ich, was aber während der Zugfahrt wieder in Frage gestellt wird, als Wedha sich in dem Büchlein festliest und darin plötzlich all die Schönheit der Gegend außerhalb der Universität entdeckt. Das neue Semester fängt am Montag schon wieder an, doch Reisen scheint jetzt erst mal wichtiger für sie sein.

Aus dem Hauptbahnhof kommend, führt uns unsere Route durch die Innenstadt von Reggio und teilweise am Ufer entlang. Die ersten drei touristischen Anlaufpunkte sind allesamt religiöse Einrichtungen wie Kirchen oder z.B. der Dom (links). Zugegebenermaßen ist alles sehr formvollendet, doch es reisen auf dieser Fahrt Agnostiker, Muslimin und Evangelistin zusammen, und wir beschließen, lediglich zu Ehren von Ex-Benedikt, Peer Steinbrück und der Form halber einen näheren Blick an die heil’gen Stätten zu wagen.

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Schönheit, Tristesse und Humor liegen in dieser Stadt nie weit voneinander entfernt. Um den Uferweg des Lungomare und die eine Ebene höher befindliche Fußgängerzone Corso Garibaldi herum gibt’s allerhand zu gucken. Zu unserer Linken sehen wir über die Meerenge von Messina hinweg die Insel Sizilien. Im Unterschied zum mir bis dato nur bekannten nördlichen Gewässer schäumt das Meer hier in einem krass abgrundtiefem Dunkelblau. Auf mittlerem Wege gelangen wir zu einer Freiluft-Arena, wo im Sommer Veranstaltungen mit Meeresblick steigen. Die Statue von Victor Emanuel steht an deren Ende, an ihrer Seite sitzt Gaby, die trotz körperlichem Unwohlsein tapfer mein chaotisches Ge-guide erträgt und sich hier gerade von der Seeluft kurieren lässt.

Die Arena dello Stretto wurde leider nach einem Rechtsnationalen benannt, der den 1970er Aufstand für eigene Zwecke missbraucht hatte. Humor in angenehmerer Form zeigt ein kalabrischer Architekt in der Gestaltung der Chiesa degli Ottimati. Frech grinst uns ihr Pilzkopf vom Kuppeldach an. Soll wohl lustig sein, der „Mund“ kann allerdings auch erst im Nachgang hinzu gemalt worden sein. Die Überreste Römischer Thermen sollen auch irgendwo rumlümmeln, doch die finden wir erst, nachdem wir zufällig hinter ein Geländer schauen. Ich denke dabei irgendwie an ein bestimmtes Lied…„wo wir auch hinkamen, alles kaputt!“ ;-). Am Castello Aragonese mit seinen dicken Rundtürmen können wir dann aber schöne Kontrastfotos von uns machen. Meines heißt: Zwerg und Burg.

Gegen 11.30 Uhr wollen wir Mittag essen. Im Reiseführer sind, was unüblich ist, Restaurants im Stadtplan markiert. Der Sinn davon wird mir allerdings erst gegen 13 Uhr klar, als wir vollkommen platt in eines dieser Häuser einkehren. Unsere Suche nach einem offenen Lokal mit Sitzplätzen zog sich auf Spielfilmlänge, da, wer ahnt es nicht, hier von anderer Seite bestimmt wird, wie viele Restaurants wann wie lange wo wie teuer offen zu haben haben.

Selbst wer wen wann küsst, bestimmt noch der Wirt. Neben uns, an einem Tisch im Außenbereich, umarmt sich heftig knutschend ein junges italienisches Liebespaar. Wedha, gerade ins Plaudern gekommen, erwähnt, dass eine Situation wie diese in der indonesischen Öffentlichkeit eher verpönt sei, und erst die jetzige Generation der jungen Leute dort dies teilweise aufbräche. In dem Moment, als ich ihr großmäulig versichere, dass das in Germania überall anzutreffen wäre und Italien ja eh das Land von Amore und Casanova sei, poltert der gestresste Wirt durch die Manege und beendet das Stelldichein der beiden mit einem höflichst geschrienen „RAGAZZI!! PREGO!!!“ („Ich darf mal äußerst bitten, Leute!“). Romantik ist halt auch in Italien manchmal nur Konstrukt…

Palazzo della Regione in Reggio di Calabria

Das Finale unserer Wanderung soll nach dem Mittagessen das Archäologische Nationalmuseum sein. Da dieses aber wegen Restaurierung geschlossen ist, müssen wir den Palazzo della Regione (Foto) finden, wo die wichtigsten Exponate aus vier Stockwerken Nationalmuseum zwischenbestaunt werden können. „Alles ganz einfach“, sagt der Museumschef, bei dem wir nachfragen. 200 Meter geradeaus, aber nicht zu sehr, dann abbiegen, aber unterhalb, rechts etwas passieren, links davon dran vorbeigehen, Ampel grüßen, aber nicht darüber gehen, dann die einzige Straße nehmen, die wir sehen und davon die linke wählen. Dazu noch verlässt sich beim Zuhören Gaby auf mich und ich mich auf Gaby, und nach der ersten Biegung haben wir schon alles vergessen.

Beim Passanten-Casting, bei dem wir vertrauenswürdige und sachkundige Bürger auswählen um nach dem Weiterweg fragen, landen wir bei einem Ömchen, das gerade ein Sonnenbad nimmt, sich nach meiner Frage leutselig erhebt und sich freut, dass sie in ihrem Alter überhaupt noch jemand anspricht, aber leider nichts Informatives zu Stande bringt. Die jungen Leute scheinen rein gar nicht interessiert zu sein und der letzte Befragte repariert gerade sein Auto und starrt nach unserem Fragen zwei volle Minuten in die Ferne, ehe er sagt: „Geradeaus…und dann rechts.“ Das war immerhin geografisch richtig, aber nicht von der Straßenlage her. Wedha, mit weniger Italienisch als wir anderen zwei gesegnet, sieht letzten Endes immerhin das richtige Schild.

Im Hafen von Reggio di Calabria Und hallelujah, der Palast ist nachmittags sogar offen! Nur Fotos dürfen wir nicht machen, dafür gibt’s aber ein Video zu sehen. Ganz knapp, bevor eine 8-köpfige italienische Familie durch die Tür tritt, haben wir uns für die englische Version des Videos entschieden, und sehen es, auf dem Fußboden vor dem Bildschirm kauernd, dann alleine. Der Film dreht sich um die berühmtesten Ausstellungsstücke des Museums, die „Krieger von Riace“. Diese Bronzestatuen wurden 1972 vom Meeresboden gehoben und danach durch ganz Italien zu verschiedensten Spezialisten zum Aufpäppeln geschickt, wobei offensichtlich massig Arbeitsplätze entstanden sind. Die Menge der restlichen Exponate ist dermaßen verschwindend gering, dass man für den Rest der Ausstellung dann noch etwa 10 Minuten benötigt. Am Ende pilgern wir zum Hafen von Reggio und es entsteht noch ein gemeinsames Bild :-).

Vielen Dank an meine gut gelaunten Begleiterinnen für den Trip und bis nächstes Mal,

euer Thilo

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